So läuft das Geschäft mit Schrottimmobilien

21. Oktober 2009

Jochen Resch, Anwalt und SDK-Vorsitzender (Foto: Kanzlei Resch)

Jochen Resch, Anwalt und SDK-Vorsitzender (Foto: Kanzlei Resch)

“Sie würden niemals eine Wohnung kaufen, die Sie nicht gesehen haben? Dann haben Sie nur noch nicht Ihren Meister gefunden, der das Kunststück in nur zwei Stunden schafft.”

Der Berliner Anlegerschutzanwalt Jochen Resch (59), zugleich Vorstandsvorsitzender der Verbraucherzentrale Brandenburg, schaut vom Rednerpult über den Brillenrand hinweg in die Runde. Vor ihm im Saal der Schutzgemeinschaft für geschädigte Kapitalanleger (SgK, 100.000 Mitglieder) im Deutschen Gewerkschaftshaus in der Keithstraße in Berlin Schöneberg sitzen an diesem Samstagnachmittag 200 unglückliche Kapitalanleger, manche von ihnen sind hundert Kilometer weit angereist, um endlich zu verstehen, warum ausgerechnet sie Opfer von Schrott-Immobilienverkäufern geworden sind. Für fünf Euro Eintritt (Spendenkasse SgK) hält Resch Ihnen den Spiegel vor. Resch weiß, wovon er spricht. Seit 23 Jahren kennt er die Immobilienszene wie aus dem EffEff.

“In diesem Moment wird wieder irgendein Angestellter oder Beamter besoffen gequatscht und zu einem jener Notare in Berlin gefahren, die eigenartigerweise immer 24 Stunden Bereitschaftsdienst haben. Und keinem der Überredeten ist klar, dass er gleich eine Wohnung für 100.000 Euro kaufen wird. Und noch weniger ahnt das Opfer, dass die Wohnung in Wirklichkeit nur die Hälfte wert ist und deshalb als Anlage nur mit horrendem Verlust verkauft werden kann. Wenn man nicht verkauft, zahlt man ein Arbeitsleben lang 230.000 Euro für eine Anlage, die nur 50.000 Euro wert ist. Wer würde so eine Anlage kaufen, wenn er das vorher weiß? Würden Sie heute noch Mal Ihre Wohnung kaufen?”

“Am liebsten würde ich die Wohnung anzünden.”

Der Saal bebt vor Entrüstung. “Nein”, bilden die Zuhörer einen Chor. Eine Frau in der dritten Reihe sagt halblaut: “Wenn keine Mieter drin wären, würde ich die Wohnung am liebsten anzünden.” Bringen würde das natürlich nichts. Die Gebäudeversicherung würde ja nur den realen Wert erstatten, nicht die 35 Prozent, die die Verkäufer für sich obendrauf geschlagen hatten.”

Resch erzählt zur Entspannung den Witz vom Anlageberater und dem Schäfer. Der Berater: Wenn ich errate, wie viele Schafe Sie haben, bekomme ich dann eines? Der Schäfer: Ja. Der Anlageberater schaut in sein Laptop: Es sind 4.832. Schäfer: Stimmt, nehmen Sie sich eines. Der Berater schnappt sich ein Tier, sperrt es in seinen Jeep. Der Schäfer: Wenn ich Ihren Beruf errate, bekomme ich das Tier zurück? Der Berater: O.K. Der Schäfer: Sie sind Anlageberater. Der Berater: Woher wissen Sie das? Der Schäfer: Sie kommen, obwohl sie keiner gerufen hat. Sie erzählen, was man eh schon weiß. Und Sie haben keine Ahnung. Und nun dürfen Sie mir meinen Hund zurückgeben. Der Saal lacht. Galgenhumor.

Dann wird es ernst. Resch zählt die Namen von Vertrieben auf. Einer fängt mit S an und hat 6.500 Schrottimmobilien verkauft. Immer mit dem Versprechen, dass die Verkäufer sich um den Weiterverkauf kümmern werden. Bis es so weit kommen könnte, melden sie ihre Firmen ab und machen unter anderen Namen weiter. Manche haben in ihren Namen tolle Zusätze wie Royal oder Steuerfuchs. Die Verbraucherzentralen schätzen die Zahl der Käufer von Schrottimmobilien in den letzten 20 Jahren in Deutschland auf 500.000, nach Reschs Meinung sind es doppelt so viel.

Resch: “Wer sich zur Wehr setzen will, muss wissen, was für ein Spiel der Gegner gespielt hat. Die meisten verstehen nicht, dass alles fast perfekt geplant war, fast, sonst wären Sie ja nicht hier. Die Köder, die Ihnen vorgehalten wurden, hießen Freibetrag, Steuern-Sparen, Altersvorsorge und Vermögensbildung. Und ein Verkauf in zehn Jahren mit einem doppelten oder dreifachen Gewinn. Merken Sie was? Sie haben in Gedanken schon angebissen, und es kommt nicht einmal das Wort Immobilie oder Wohnung vor!”

Resch stellt klar, dass er überhaupt nichts gegen den Kauf einer Wohnung einzuwenden hätte, selbst wenn der Preis unverschämt wäre. “Es ist nicht verboten, schlechte Geschäfte zu machen. Wenn man denn die Chance hätte, vorher zu wissen oder zu begreifen, was man da tut.”

Im Bentley zum “Meister”

Von seinen Mandanten kennt er die Szenarien. “Zuerst kam ein harmloser Anruf von einem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, was in Wahrheit ein Call-Center in Potsdam war. Man wollte wissen, ob man Steuern sparen will und ob man Arbeit hat, liegt der Verdienst unter oder oberhalb einer Grenze? Beim 2. Kontakt wurde man zu einem Termin eingeladen, bei dem man Steuern sparen könne. Zum Termin holte ein BMW, in einem meiner Fälle auch ein Bentley, die künftigen Käufer ab und chauffierte sie in die Behrenstraße, Hagenstraße, zum Sachsendamm, in die Taubenstraße oder zum Kurfürstendamm. Da saß dann der Meister in seinem Büro. Einer hieß mal Krause, dann wieder Müller. Und als er unter Müller nichts mehr bei der Bank einreichen durfte, nannte er sich wieder Krause. Von den Krauses gibt es Dutzende. Der Meister sprach über alles, nur nicht über die Wohnung. Es gehe um Projekte der sozialen Wohnungswirtschaft.

Das Projekt stehe auf drei Säulen. Erstens Zuschuss vom Staat und Finanzamt, zweitens Miete und drittens Ihr Eigenkapital. 100 Euro, das würde doch passen, oder? Nach 10 Jahren und einem Tag steigen Sie wieder aus, so das falsche Versprechen. Der Meister verlangte Unterschriften unter Blanko-Selbstauskünften, damit er für die Anlage tätig werden kann. Zum Beispiel bei der BaFin. In Wahrheit holte der Verkäufer einen Zweitkredit heran, der als Eigenkapital deklariert wurde, falls das Einkommen für den Wohnungskauf zu klein wäre. Das alles merkten die Käufer nicht, weil sie über Hobbies ausgefragt und zugetextet werden. Keine Frage blieb unbeantwortet.

Versuchte man auszusteigen, kam der Hinweis, dass dann 1.000 Euro fällig würden. Der Meister habe ja Arbeit investiert. Ein ganz skeptischer Kunde wurde ein zweites Mal eingeladen. Ihm wurde ein Aktenstapel gezeigt. Das seien die Ablehnungen, sagte man ihm. Dann lag eine einzelne Akte herum. Das sei seine Zusage. Als der Skeptiker den Gesetzestext zu den Versprechungen sehen wollte, wies der Meister seine Sekretärin an, danach zu suchen. Nach zwei Stunden gab der Skeptiker entnervt auf, wird schon alles stimmen.”

“Es ist doch ein Sorglos-Paket”

Mit künstlich gesetzten Fristen ging es spät abends zum Notar, der nur dann Zeit hätte. Sollte der fragen, ob man den Vertrag schon zwei Wochen lang kennen würde, solle man ja sagen. Oder wolle man den Gewinn von 20.000 Euro nach zehn Jahren nicht mehr haben? Außerdem brauche man sich um nichts zu kümmern. Es ist doch ein Sorglos-Paket. Alles wird geregelt. Resch: “Vor dem Notar saßen viele wie schock gefroren. Und unterschrieben trotz eines mulmigen Gefühls.”

Mit dem Besitz der Wohnung kommt das erste Erwachen, wenn die Kaltmiete ausbleibt, weil der Wohneigentümer-Gemeinschafts-Verwalter bezahlt werden muss, weil Reparaturen fürs Dach, für die Heizung fällig wurden und umgelegt werden. “Wir mussten nach einem halben Jahr statt 100 Euro plötzlich 300 Euro im Monat zuzahlen”, bestätigt Erzieherin Silvia Roßbach (44) aus Magdeburg, die zusammen mit ihrem Mann Jan Sören (46, Maschinenbau-Ingenieur) im Jahre 2006 eine Wohnung in Wittenau für 100.000 Euro gekauft hat, obwohl die Wohnung nach einem neuen Gutachten (Kosten: 2.500 Euro) nur 50.000 Euro wert ist. Ein Verkauf brächte die Roßbachs nicht aus ihrem Kredit heraus. Jan Sören Roßbach: “Wir zahlen, bis wir 73 und 72 Jahre alt sind und werden niemals mit der Wohnung einen Cent Gewinn machen. Wir verklagen die DKB auf Rückabwicklung.”

Resch: “Jeder kann selbst überprüfen, was seine Wohnung wert ist. Die Faustformel lautet: Monatskaltmiete mal 12 mal 14. Bei einer Monats-Kaltmiete von 270 Euro beträgt die Jahreskaltmiete 3.240 Euro. Das Ganze mal 14 ergibt einen Wohnungswert nach der Ertragsmethode in Höhe von 45.360 Euro und nicht 100.000 Euro, wie von der DKB finanziert.”

Wie hätte man das Dilemma verhindern können? Resch: “Einfach aufstehen und gehen. Niemals den Schritt begründen. Die Meister haben immer eine Antwort parat. Und sie nutzen aus, dass wir alle auf Freundlichkeit geeicht sind und deshalb nicht anders können als einzuwilligen, auch wenn es der finanzielle Ruin ist.”

Worin besteht die große Lüge der Meister? Resch: “Es gab und gibt bei Bestands-Immobilien kein Steuersparprogramm vom Staat oder Finanzamt. Es gab schon immer die Möglichkeit, Verluste aus Vermietung und Verpachtung abzuschreiben. Man gibt 1.000 Euro hin und bekommt 250 Euro zurück. Was ist das für ein Geschäft?”

GMC-Bankkunden sitzen auf einer Zeitbombe

Im Jahre 2004 tauchte in Deutschland wie Phönix aus der Asche die GMC aus Amerika auf. Die Bank hatte zuvor Autos von General Motors finanziert und wollte nun amerikanische Welten nach Deutschland bringen. Resch: “Während die DKB mit bis zu 160 Prozent Wohnungen finanzierte (normal sind 60 Prozent), finanzierte die GMC das neunfache Nettojahreseinkommen der Antragsteller. Was die Wohnung wirklich wert war, war der GMC egal. Denn sie verschnürte die Wohnungen zu Paketen von 500 Millionen Euro und verkaufte die Pakete zur Refinanzierung nach Holland. Die GMC gab nun bekannt, dass sie keine Bank mehr sei. Die Kreditkunden dürfen ihre Kredite zwar nach 30 Jahren ablösen. Aber die Zinsfestschreibung endet nach zehn Jahren. Dann kommt die holländische Zweitgesellschaft. Mit hohen Zinsen wird man versuchen, Druck auszuüben, damit die Kunden sich andere Banken suchen. Eine tickende Zeitbombe, die die ersten Käufer 2014 treffen wird.”

Chancen für eine Rückabwicklung

Aber Resch sieht Chancen für eine Rückabwicklung. Resch: “Dabei werden die Käufer wegen Falschberatung oder sittenwidrigem Geschäft so gestellt, als hätten sie nie gekauft oder nie einen Kredit aufgenommen.” Und Resch glaubt auch daran, gewinnen zu können, wenn er mit so genannten Elitefällen anfängt. Resch: “Das sind Fälle mit vorhandenen Verkaufsskizzen, Gedächtnisprotokollen und Zeugen (Ehepaar) und Rechtsschutzversicherungen, die alles übernehmen. Die anderen sogenannten Invalidenfälle kommen zunächst in die Warteschleife. Nach 10 gewonnenen Elite-Fällen knicken die Gegner meist ein.”

So hat es Resch bei der Deutschen Bausparkasse Badenia AG aus Karlsruhe gemacht und gewonnen (allerdings hat es 6 Jahre gedauert). Und so hat es Resch auch bei der BHW (heute Postbank) und der Gallinat Bank AG aus Essen mit Erfolg gemacht. Im Augenblick vertritt seine Kanzlei (22 Anwälte und 70 Mitarbeiter) 1.000 Geschädigte, die von der DKB Berlin finanziert wurden. “Insgesamt wollen 10.000 Geschädigte die DKB auf rund 1 Milliarde Euro verklagen, wenn die Bank nicht einlenkt.”

Resch erzählt den Zuhörern zum Abschluss noch die Geschichte von Jacob. Der steht abend für abend am offenen Fenster und betet: “Lieber Gott, mach, dass ich im Lotto gewinne.” Nach vielen Wochen, Jacob hat wieder gebetet, meldet sich Gott und sagt mit dröhnender Stimme: “Jacob, lass mir doch eine Chance, deinen Wunsch zu erfüllen, und gib endlich deinen Lottoschein ab.” Resch entlässt die Zuhörer mit der Aufforderung: “Zaudern Sie nicht, handeln Sie.”

Pressemitteilung von Goldman Morgenstern und Partners www.gomopa.net

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